Samstag, 11. Februar 2017

Zeitreise in die 1960er Jahre: Besuch des Museum Wäschefabrik, Bielefeld


Es ist Sonntag Vormittag und normalerweise würden wir den Teufel tun und am Wochenende in unsere Uni-Stadt fahren. Es ist eisig kalt, spiegelglatt und richtig hell wurde es an diesem Tag auch nicht. Wir fahren mit der S-Bahn unter dem Bogen der Dürrkopp-Werke hindurch und müssen dann noch ein kleines Stück laufen. Ob wir hier wirklich richtig sind? Doch da steht es: "Museum Wäschefabrik"! Etwas versteckt in einem Hinterhof befindet sich das imposante und heute wirklich ganz besonders wirkende Gebäude. 

Wir gehen, äh schlittern (der Nebel gefriert einfach sofort) die Stufen zum Eingang hoch und stehen kurz darauf am Empfang einer Wäschefabrik der 60er und 70er Jahre. 




Alles ist, als wäre die Zeit hier einfach stehen geblieben. Als hätten die Mitarbeiter nur kurz ihren Arbeitsplatt verlassen um gleich zurück zu kehren. Erst auf den zweiten Blick entdecken wir die dezent gesetzten Informationstafeln, die uns vergewissern, dass wir wirklich in einem Museum sind und nicht wirklich eine Zeitreise angetreten haben.


Überall Stoffe, teils in raumhohen Regalen lagern sie manchmal in Seidenpapier eingeschlagen mit einer nur etwas angewachsenen Staubschicht. Das reinste Paradis für jede Nähbegeisterte und den Freund besonderer Fotomotive. Fasziniert und darauf bedacht bloß nichts zu berühren, was dieses ganz besondere Ambiente verändern würde, gehen wir durch die Räume. Dann entdecken wir den Nähsaal und auch wenn meine Freundin und Kommilitonin mit dem Nähen so gar nichts am Hut hat, stehen wir nun beide sprachlos im Türrahmen. Der Anblick von dutzenden Nähmaschinen, dem schummrigen Licht und den großen Fenstern, durch die das wenige Licht von draußen hinein fällt verschlägt einem wirklich für einen kurzen Moment die Sprache, bevor "guck mal,..." und "oh, was ist das denn?" den Raum erfüllen.




Ich stehe eine Ewigkeit vor diesen Maschinen. Sogar Kettelmaschinen und Vorgänger der Cover-Maschinen kann ich entdecken. In meinem Kopf höre ich ein Meer des Maschinenratterns. Wie Stops und Go´s beim Nähen wild durch den Raum schallen. 
Wie gerne wäre ich unter dem Absperrband hindurch geklettert und hätte einer der Maschinen in Gang gesetzt. 


Von 1913 bis in die 1970er Jahre wurde hier Aussteuer- und Leibwäsche produziert. Das bekannteste hier gefertigte Kleidungsstück dürfte das "Babydoll" sein. Es besteht aus einer kurzen Pumphose und einem weiten, losen und leicht A-förmig geschnittenen Oberteil ohne Ärmel, dass inzwischen auch wieder im Museum Wäschefabrik oder per Mail bestellt und gekauft werden kann. 

Nach dem Tod der Brüder Theodor und Georg Winkel, die die Wäschefabrik 1938 vom jüdischen Firmengründer Hugo Juhl kauften, verzichteten die Erben auf die Verwertung der Einrichtung und der Gebäude. So legte die Wäschefabrik einen Dornröschenschlaf ein. 1986 wurde sie von einem Bielefelder Fotograf bei der Suche nach Motiven wiederentdeckt, 1987 unter Denkmalschutz gestellt und nach der Bildung eines Fördervereins, der die Fabrik 1993 kaufte, bis zum Jahre 1997 als Museum umgestaltet.



Normalerweise hat mein Studium nicht so viel mit meinen Hobbys gemeinsam, aber ich studiere unter anderem das Fach Sachunterricht. Das setzt sich bei uns aus den Fachwissenschaften Chemie, Biologie, Physik, Sozialwissenschaft und Geschichte zusammen. Da Schule nicht nur trockener Unterricht sein soll und speziell Geschichte für Kinder etwas so abstraktes ist, war es in diesem Semester unsere Aufgabe außerschulische Lernorte in der Region aufzusuchen und anschließend vorzustellen.
Dafür habe ich während unseres Besuches im Museum fotografiert und schon vor Ort war mir klar, dass ich auch hier von dem Museum berichten möchte.



So doof es klingen mag, aber auch ich kann mir in die schwarz/weißen Familien-Fotos meiner Eltern nur schwer Farbe denken und so überhaupt die damalige Realität vorstellen. 

Aber natürlich war früher nicht alles schwarz/weiß. Der also so schwer zu begreifende zeitliche Wandel kann hier im Museum Wäschefabrik hautnah, live und in Farbe erlebt, oder wie es an diesem Hemd so schön hieß: "das Wohlgefühl der Wirtschaftswunderjahre", getestet werden.


Ich gebe zu, dass ich mich für Museen sonst nicht wirklich begeistern kann. Ich finde es langweilig vor Glasvitrinen zu stehen und mir zusammengesammelte Werke anzuschauen. Aber das hier hat mich "geflasht"! Hier ist nichts gesammelt und aufgestellt worden um es den Besuchern zu präsentieren, es hat sich durch die Geschichte der Fabrik selbst angesammelt und ist dort so vorzufinden, wie es die Mitarbeiter zurück gelassen haben.



Es hat uns großen Spaß gemacht, die Wäschefabrik auf eigene Faust zu erkunden. 
Wer noch mehr über die Arbeit in der Fabrik erfahren möchte, kann aber auch eine Führung durch das Museum oder das gesamte Spinnereiviertel Bielefelds buchen. 
Speziell für Kinder wird ein vielfältiges museumspädagogisches Angebot bereit gehalten, dass sowohl für den privaten Besuch, als auch für Kindergärten und Schulen ausgelegt ist.



Ich hoffe, ich konnte meine Begeisterung annähernd rüber bringen und überschwappen lassen. Und falls es mal ein Blogger-Event hier in der Nähe geben sollte, ich wüsste ja schon, was dann ein "must-visit" wäre...

Geöffnet ist das Museum an jedem Sonntag von 11-18 Uhr, für Gruppen natürlich auch nach Absprache zu anderen Zeiten. Ihr findet es in der Viktoriastr. 48a
33602 Bielefeld. Der reguläre Eintritt kostet 3 Euro, Ermäßigt 1,50 Euro.

Vielen Dank an den Förderverein des Museums, der dieses Stück Industriekultur so für die Nachwelt be- und verwahrt und dass ich euch hier auf dem Blog ein paar Einblicke geben durfte!

Liebe Grüße, Nadine

Kommentare:

  1. wow!!
    ich will da auch hin, das sieht wirklich sehr interessant aus - ich hab in Wuppertal schon einige einschlägige Museen gesehen (Bandweber, Frühindustrialisierung...) und jedes mal wieder fasziniert mich diese "alte" Technik aufs neue!

    Danke fürs mitnehmen!

    LG Agnes

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  2. Liebe Nadine,
    ich komme hier bei Dir ganz zufällig vorbei geschneit...
    So schön Dein Post! ...erinnert mich ein ganz klein wenig an meine Lehrzeit, 1988 begann meine Ausbildung zur Näherin in einer Fabrik, natürlich war da schon alles moderner als in den 60er/70er jahren, aber trotzdem... Die Ausbildung habe ich dort erfolgreich beendet, um gleich danach eine neue Ausbildung im Hotelgewerbe zu machen... Ich nähe nur noch nebenbei, dass reicht!
    Hab vielen Dank für Deinen Bericht, es macht Spaß in vergangenen Zeiten unterwegs zu sein. Die Wäschefabrik hätte ich mir auch angesehen. Damit ich bei Dir nichts mehr verpasse, werde ich gleich mal Dein neuer Follower :).
    Liebe Grüße von der Insel Rügen,
    Mandy die hummel...

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  3. Ohh, das sieht ja mega toll aus! Deine Begeisterung kann ich verstehen, das würde ich mir ja zu gerne auch mal ansehen. Gerade die alten Nähmaschinen finde ich total faszinierend, außerdem nähe ich ja selbst noch mit so einem Ding. Ich werde deinen Tip auf jeden Fall im Hinterkopf behalten für den Fall, dass ich mal in der Nähe bin :-) Vielen Dank dass Du uns daran hast teilhaben lassen!
    Viele Grüße,
    Pia

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Über Kommentare freue ich mich immer! Danke :-)

Liebe Grüße, Fusselline